Kriegsertüchtigung statt Kultur - Bremerhaven zwischen Marinehafen und Theaterkürzungen

Vom Energyport zum Kriegshafen Brhvjpg(von Manfred Steglich) Jetzt geht es ins Detail. Wie die Nordsee-Zeitung berichtet, fordert das Bundesverteidigungsministerium sämtliche bislang für den Energy-Port erarbeiteten Planungsunterlagen an. Geprüft wird, was davon für einen Marinestützpunkt nutzbar ist. Bremerhaven ist im Wettlauf um einen neuen Marinehafen „gut im Rennen“. Was lange als strategische Option diskutiert wurde, wird damit konkret: Der Ausbau des Hafens zur militärischen Infrastruktur rückt in greifbare Nähe.

Schon zuvor war absehbar, dass Bremerhaven schrittweise zu einem zentralen NATO-Logistikstandort entwickelt werden soll. Der Energy-Port, ursprünglich als ziviles Infrastrukturprojekt ausgewiesen, wird zunehmend in militärische Planungen eingebunden. Es geht um Durchhaltefähigkeit, Verlegekapazitäten, um militärische Einsatzbereitschaft im Krisen- und Kriegsfall. Die Stadt wird funktionalisiert – als Knotenpunkt einer sicherheitspolitischen Strategie, die weit über die Region hinausreicht.

Fast zeitgleich fällt eine andere Entscheidung, diesmal auf kommunaler Ebene. Der Magistrat der Stadt Bremerhaven beschließt massive Kürzungen beim Stadttheater. Bis zu 600.000 Euro jährlich sollen eingespart werden. Sechs Stellen werden dauerhaft nicht wiederbesetzt, Probenbetreuung reduziert, Arbeitsverdichtung in Kauf genommen. Ab der Spielzeit 2027/28 entfallen die Sinfoniekonzerte am Mittwoch, die Sommerbühne findet 2026 zum letzten Mal statt.

Offiziell ist von „Sparvorgaben“ und „Kürzungen mit Augenmaß“ die Rede. Tatsächlich trifft es eine der wenigen kulturellen Institutionen der Stadt, die über Jahrzehnte Identität, Öffentlichkeit und kritische Reflexion ermöglicht hat. Kultur gilt als verzichtbar, als nachrangig – während für militärische Infrastruktur erhebliche Mittel mobilisiert werden.

Diese beiden Entwicklungen stehen nicht zufällig nebeneinander. Sie markieren eine politische Prioritätensetzung: Kriegsertüchtigung nach außen, kulturelle Auszehrung nach innen. Sicherheit wird militärisch definiert, gesellschaftlicher Zusammenhalt dagegen als Kostenfaktor behandelt. Was Milliarden kostet, gilt als notwendig; was das soziale und kulturelle Leben trägt, soll sparen.

Bremerhaven wird so doppelt in Anspruch genommen: als logistisches Rückgrat militärischer Planungen und zugleich als Kommune, die ihren eigenen kulturellen Unterbau abbaut. Eine Stadt aber, die auf militärische Funktion reduziert wird und zugleich ihre kulturellen Räume verliert, verliert mehr als Geld. Sie verliert Orte der Auseinandersetzung, der Kritik, der gemeinsamen Erfahrung.

Sicherheit, die ausschließlich militärisch gedacht wird, macht Gesellschaften nicht stabiler. Sie hinterlässt Leerräume – dort, wo Theater, Musik und öffentliche Kultur eigentlich Widerstandskraft und Zusammenhalt erzeugen könnten.