(von Manfred Steglich)
Bereits im November 2025 habe ich im Namen des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) vor der massiven Militarisierung Bremerhavens gewarnt. Die zugesagten 1,35 Milliarden Euro aus dem Verteidigungshaushalt waren nie als allgemeine Strukturförderung, sondern von Beginn an als Infrastrukturprogramm für militärische Zwecke gedacht. Gleichwohl wurde die Maßnahme in der öffentlichen Debatte als „Standortchance" verkauft, obwohl es sich um die funktionale Einbindung Bremerhavens in NATO-Logistik und strategische Planungen handelt. Seitdem hat sich die Situation deutlich verschärft: Die Militarisierung nimmt inzwischen konkrete Formen an.
1. Bremerhaven als Standort für Marinehafen/Marinestützpunkt
Nach Berichten regionaler Medien, insbesondere buten un binnen, prüft die Bundeswehr Bremerhaven konkret als Standort für einen Marinehafen bzw. Marinestützpunkt. Im Fokus steht das Gebiet rund um den Blexer Bogen, wo hochrangige Vertreter der Marine bereits Flächen besichtigt haben. Eine endgültige Entscheidung ist zwar noch nicht getroffen, doch die Planungen sind in einem fortgeschrittenen Stadium. Diese Entwicklung ist nicht bloß eine Erweiterung logistischer Kapazitäten, sondern die Ausweitung militärischer Infrastruktur: Bremerhaven wird als potenzieller, dauerhafter Standort der Marine ins Auge gefasst – nicht mehr nur als temporärer Umschlagspunkt.
2. Minenjagdboote: Von Logistik zu operativer Präsenz
Parallel konkretisieren sich die Planungen für die Stationierung von sechs Minenjagdbooteinheiten in Bremerhaven bis zum Jahr 2029. Da diese Boote der Sicherung von Seewegen und Hafenzufahrten dienen, erweitern sie das Profil des Hafens massiv um militärische Operationsfähigkeit. Mit dieser Stationierung entwickelt sich Bremerhaven über seine bisherige Funktion als logistischer Knotenpunkt hinaus zum aktiven operativen Marine-Standort.
3. Aufrüstung und „Kriegsertüchtigung" als strategischer Kontext
Die aktuellen Planungen folgen einer klaren Logik: Sie sind das Ergebnis einer fortschreitenden Kriegsertüchtigung. Es geht um die systematische Ausweitung militärischer Mobilitäts- und Einsatzkapazitäten innerhalb strategischer NATO-Strukturen. Statt in die zivile Daseinsvorsorge fließen die Milliarden aus dem Verteidigungshaushalt einseitig in die langfristige Sicherung militärischer Handlungsfähigkeit. In diesem strategischen Gefüge wird Bremerhaven primär als Teil der militärischen Infrastruktur behandelt, was die Bedeutung als ziviler Hafen zunehmend verdrängt. Diese Transformation verändert die Stadt tiefgreifend – sowohl in ihrer räumlichen Gestaltung als auch in ihrem politischen und sozialen Gefüge. Ein militärisch genutzter Hafen ist ein Kraftzentrum, das die regionale Entwicklung und die Sicherheitslage grundlegend neu definiert.
4. Konflikt mit ziviler Zukunftsentwicklung
Besonders problematisch ist der Konflikt mit zivilen Zukunftsprojekten: Am Blexer Bogen war der Energy Port für Offshore-Windenergie vorgesehen. Ein militärischer Hafen an derselben Stelle würde dieses Projekt faktisch verhindern und damit eine zentrale Perspektive für Klimaschutz, Energieinfrastruktur und regionale Beschäftigung blockieren. Hier wird sichtbar, dass die militärische Aufrüstung nicht nur ein „Sicherheitsproblem", sondern ein Entwicklungsproblem ist: zivile Zukunftsoptionen werden zugunsten militärischer Prioritäten zurückgedrängt.
5. Politische Dimension: Aufrüstung als Normalzustand
Die Zustimmung zu dieser Entwicklung ist parteiübergreifend. SPD, CDU, FDP und Grüne begrüßen den Ausbau als „Chance". Damit wird die Militarisierung als Normalzustand etabliert, während zivile Sicherheitsinteressen in den Hintergrund treten.
Die Frage ist nicht länger, ob Bremerhaven militarisiert wird, sondern wie weit diese Militarisierung geht und welche Funktionen die Stadt künftig erfüllen soll.
6. Konsequenzen aus friedenspolitischer Perspektive
Die geplante Ausweitung militärischer Infrastruktur ist keine neutrale Standortentwicklung, sondern eine sicherheitspolitische Weichenstellung. Ein Marinehafen oder Marinestützpunkt würde Bremerhaven dauerhaft in militärische Strukturen einbinden und das Risikoprofil der Stadt grundlegend verändern: Militärische Präsenz macht Standorte im Krisen- oder Eskalationsfall zu sicherheitspolitisch relevanten Zielräumen. Die Stationierung von Minenjagdbooten markiert den Übergang von logistischer Unterstützung zu operativer militärischer Präsenz. Dieser Prozess wird in der sicherheitspolitischen Debatte als Kriegsertüchtigung bezeichnet – die systematische infrastrukturelle Vorbereitung auf militärische Konfliktszenarien.
Statt dieser Entwicklung braucht Bremerhaven Investitionen in soziale Stabilität, nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und Energieinfrastruktur. Sicherheit entsteht nicht durch militärische Präsenz, sondern durch soziale, ökonomische und ökologische Resilienz.
Bremerhaven braucht Investitionen in Leben und Zukunft – nicht in militärische Eskalationslogik.
Der Hafen darf nicht zum Instrument einer auf Aufrüstung ausgerichteten Sicherheitspolitik werden.









