8. Mai 2022 - Gedenken an Befreiung von Faschismus und Krieg in Bremen Oslebshausen (Reitbrake)

Reitbrake 8.5.2022 Befreiung von FaschismusUm 11:00 Uhr  trafen sich Vertreter:innen des Bremer Friedensforum, der „Bürgerinitiative Oslebshausen und Umzu“, des Vereins „Deutsch-Russische Friedenstage Bremen e.V.“ und viele Weitere am Gedenkkreuz, dem Mahnmal an der Reitbrake in Bremen-Oslebshausen. Ein Kranz wurde niedergelegt.

Sie gedachten der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die in den Grambker und Oslebshauser Lagern untergebracht waren und in Bremer Rüstungsbetrieben von 1941-45 schuften mussten, in den Francke-Werken, der AG Weser, den Focke-Wulf-Werken und den Weserflug-Werken. Fast 1.000 von ihnen überlebten das nicht und wurden bis Kriegsende auf dem nahegelegenen Gräberfeld, genannt "Russenfriedhof", verscharrt.

Gefordert wird, dass auf dem Gräberfeld, wie das Völkerrecht es einfordert, eine Gedenkstätte errichtet wird. 

Am 08. Mai 2022 wurde erinnert an die Befreiung Europas und Deutschlands von Faschismus und Krieg vor 77 Jahren. Dabei trug die Sowjetunion mit dem "Großen Vaterländischen Krieg" mit 27 Millionen Toten, Millionen Verwundeten und Verstümmelten und dem weitgehend zerstörten russischen Territorium die Hauptlast.

 

 

Reitbrake 8.5.2022 Befreiung von Faschismus2Die Begrüßungsansprache von Herbert Wehe, Vorsitzender des Vereins „Deutsch-Russische Friedenstage Bremen e.V." ist weiter unten nachzulesen. Es sprachen u.a. der ehemalige Pastor aus Oslebshausen Hartmut Drewes (siehe weiter unten seine vollständige Rede), der anhand von selbst durchgeführten Interviews mit Oslebshausern eindringlich auf die Lebens- und Sterbensumstände der Zwangsarbeiter eingehen konnte.

Gräberfeld Reitbrake 8.5.2022 Forderung Gedenkstätte

 Grabungen auf einemTeil des Gräberfeldes. Dort wurden nun schon 11 vollständige Skelette von der Landesarchäologie gefunden. (Ergänzung 18.05.2022: Das "Franz von Liszt Institut" der "Justus-Liebig-Universität Gießen" hat jetzt sein Working Paper (Download hier) zum Thema Massengrab für sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Bremen-Oslebshausen als Broschüre herausgegeben.)

Begrüßungsansprache Herbert Wehe am 8.5.2022 am Mahnmal an der Reitbrake:

Liebe Anwesende!

Es freut mich, Sie hier auf unsere Gedenkveranstaltung zum Tag der Befreiung auf dem sogenannten „Russenfriedhof“ begrüßen zu können. Ich darf mich kurz vorstellen: Ich heiße Herbert Wehe und bin Vorsitzender des Vereins Deutsch-Russische Friedenstage Bremen“. Wir als Verein wollen auch weiterhin für Kontakte, Begegnungen und Austausch, gerade auch nach Russland arbeiten. Wir halten z.B. die Weisung der Universität Bremen, alle Kontakte und Kooperationen zu russischen Universitäten einzustellen - für einen falschen Weg.

Wir haben uns versammelt, weil heute vor 77 Jahren am 8. Mai 1945 das faschistische Deutschland endlich kapitulierte. Dieser Tag ist Anlass, sich an die Befreiung Europas vom deutschen Faschismus und das Ende des II WK in Europa zu erinnern. Nach 6 Jahren Krieg waren große Teile Europas verwüstet, 60 Millionen Menschen tot.
Der erbarmungslosen Vernichtungs- und Rassenkrieg gegen die angebliche jüdisch-bolschewistische Weltrevolution kostete 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens, über 5 Mill. Polinnen und Polen und über 27 Millionen SowjetbürgerInnen das Leben.

Wir danken den Ländern der Anti-Hitler-Koalition für die Befreiung von der faschistischen Diktatur. Die Hauptlast der Befreiung vom Faschismus trugen die Völker der Sowjetunion mit den Soldatinnen und Soldaten der multinationalen Roten Armee. Dafür sagen wir einfach: Spasibo! Wir haben uns hier an diesem Mahnmal versammelt, um auch der Zwangsarbeiter zu gedenken, die im 2. Weltkrieg hier begraben oder besser vergraben worden sind. Sie wurden nach Deutschland verschleppt, um hier für ihre Feinde unter erbärmlichsten Bedingungen zu schuften. Allein in den Grambker Lagern haben knapp 1000 von ihnen diese Torturen nicht überstanden. Sie starben an Hunger, Krankheit, Entkräftung, Misshandlungen und Mord. Die Toten aus den Grambker Lagern wurden hier unter die Erde gebracht. Den meist jungen Menschen war das wertvollste genommen worden, was sie hatten: Ihr Leben, ihre Zukunft. Sie haben die Befreiung vom Faschismus, von Zwangsarbeit und Unterdrückung nicht mehr erlebt.

Ihr Tod ist Mahnung und Auftrag zugleich: Die Erinnerung an die Verrbechen des deutschen Faschismus wachhalten und uns für Frieden und und Kriegsverhinderung einzusetzen.

Was heißt das aktuell in Zeiten des Ukrainekriegs? Jede der Kriegsparteien nutzt den den 8./9. Mai, den Tag der Befreiung für ihre Kriegserzählung, für ihr Narrativ. Damit wird in der Regel versucht, die eigene Position im Krieg zusätzlich zu begründen. Doch weiter rein in den Krieg ist der falsche Weg. Wo geht es raus aus dem Krieg? Das ist die Frage.

Tatsache ist, Russland hat gegen die Ukraine völkerrechtswidrigen Angriffskrieg entfesselt. Tatsache ist auch, daß der Krieg eine lange Vorgeschichte der Missachtung russischer insbesondere Sicherheitsinteressen hat ohne deren Bearbeitung eine stabile Friedenslösung kaum möglich sein wird. Tatsache ist auch, daß der Krieg immer mehr angeheizt wird. Immer mehr Länder, auch Deutschland, drohen, Kriegspartei zu werden oder sie sind es schon. Damit droht die Ausweitung des Krieges.
Kein Weltenbrand, kein III. Weltkrieg, kein Atomkrieg. Das muß das oberste Ziel allen Handelns sein.

Dieser Krieg wird nur durch eine diplomatische Lösung beendet werden. Dabei wird keine Seite Maximalforderungen durchsetzen können. Dass Russland den Krieg völkerrechtswidrig begann, ist keine Entschuldigung, den Frieden nicht zu wollen. Schon aus Gründen der Menschlichkeit, der Überlebenssicherung der Menschheit müssten wir alles dafür tun, diesen Krieg so zügig wie möglich zu beenden. Je eher das passiert, umso mehr Ukrainer und Russen werden ihr Leben behalten und haben eine Zukunft - eine Zukunft, die die hier beerdigten sowjetischen Zwangsarbeiter nicht hatten.

Und da vermisse ich unsere Regierung in der Rolle einer Vermittlerin, einer treibenden Kraft für Verhandlungen. Das wäre ein Wahrnehmen unserer historischen Verantwortung. Die mediale Wirklichkeit sieht anders aus. Nur wenige besonnene Stimmen werden laut - und ernten Shitstorm. So ergeht es auch dem von Alice Schwarzer initiierten Offenen Brief an Bundeskanzler Scholz. Ermutigend ist, daß die dazu initiierte Petition in 10 Tagen schon 250000 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner fand. Ich möchte meine Einleitung mit einem Zitat daraus abschließen:
„Die vorherrschende Kriegslogik muss durch eine mutige Friedenslogik ersetzt und eine neue europäische und globale Friedensarchitektur unter Einschluss Russlands und Chinas geschaffen werden. Unser Land darf hier nicht am Rand stehen, sondern muss eine aktive Rolle einnehmen.“

Danke.

Ansprache von Hartmut Drewes am 8. Mai 2022 am „Russenfriedhof“ Oslebshausen

In meiner fast dreißigjährigen Zeit als Pastor hier in Oslebshausen habe ich von älteren Einwohnern viele Erinnerungen gehört, die sie an die in diesem Stadtteil in Lagern untergebrachten und zur Arbeit gezwungenen Menschen hatten. Bei einer ganzen Reihe von Bewohnern habe ich zusammen mit Jugendlichen Interviews zur NS-Zeit durchgeführt, in denen auch Zwangsarbeiter vorkamen.
Kontakte zu den Zwangsarbeitern waren auf den Arbeitsprozess beschränkt. Andere Kontakte waren verboten. Trotzdem war man ja auf der Arbeitsstelle täglich beieinander. Das Verhältnis zu den Zwangsarbeitern war sehr unterschiedlich. Ein Zwangsarbeiter z.B., so wurde mir erzählt, wurde von einem Nazi geteert und gefedert. Sie wurden auch geschlagen. Sie wurden auch ermordet. Einer, der sich diesbezüglich besonders hervorgetan hatte, hat sich am Ende des Krieges aus Bremen verdrückt.
In den Luftschutzbunker durften die Zwangsarbeiter bei Bombenalarm nicht hinein. Es gab aber welche, die sie trotzdem mit hineingenommen haben oder mit hineinnehmen wollten, aber deswegen von der Aufsicht gemaßregelt bzw. davon abgehalten wurden. Einer dieser maßregelnden Leute war der, der zu meiner Zeit Küster in der evangelischen Gemeinde war. Es gab aber auch andere, die solidarisch waren, ihnen etwas zu essen zusteckten. (Zum Teil haben sich Zwangsarbeiter nach der Befreiung bei denen bedankt, entweder mit einem Geschenk (selbst Gebasteltes) oder dass sie vor dem Rücktransport in die Heimat sich verabschiedeten und sich für die Solidarität bedankten.)

Es gab einen Bauer in Oslebshausen, der mit den ihm zugeteilten Zwangsarbeitern gemeinsam die Mahlzeiten einnahm, was offiziell verboten war. Der Ortsbauernführer wollte ihm das untersagen, doch er hat sich das nicht verbieten lassen.
Der Arbeiter Johannes Franz, der auf der Hütte tätig war, hat einige junge Zwangsarbeiter – sie waren ja teilweise erst 16 Jahre alt – bei sich zuhause untergebracht. Das und vieles mehr weiß ich vom Sohn Karl-Heinz, ein linker Sozialdemokrat, der mir von der Zeit sehr viel berichtet hat. Sein Vater muss auf der Hütte im Arbeitsprozess eine gewisse Autorität gehabt haben, und er war ohne Frage auch sehr couragiert. Der Sohn hat mir auch erzählt, dass er selbst einmal einen Zwangsarbeiter davon abhalten wollte, als dieser sich aus der Drankkuhle, in der Viehfutter eingesäuert war, etwas Essbares herausholen wollte. Als sein Vater das sah, hat er seinem Sohn eine Tracht Prügel verabreicht und ihm deutlich gemacht, dass man einem hungernden Menschen nicht daran hindern darf.

Der Sohn hat damals als Junge beobachtet, wie ständig, wohl täglich, Leichen der Zwangsarbeiter hier in eine Grube geworfen wurden.
Etwas Geld erhielten die Zwangsarbeiter. Sie konnten aber nicht in jedem Laden dafür etwas erwerben, da sich einige Lebensmittelhändler weigerten, ihnen etwas zu verkaufen; aber andere taten es.
In Oslebshausen gab es etwa 10 Lager, größere und kleinere. Eins von den größeren war das Lager Piepengraben. Märsche zur und von der Arbeit, führten z.B. vom Lager Piepengraben in Oslebshausen, vorbei an der Oslebshauser Kirche, durch den Stadtteil hindurch zum Hafen. Das sah die Oslebshauser Bevölkerung, auch dass diese Männer vom Hunger gezeichnet waren, manche unterwegs auch zusammenbrachen und von den Mitgefangenen gestützt und getragen werden mussten.
Wenn Zwangsarbeiter nicht spurten oder vielleicht etwas stahlen, wurden sie auch mit dem Tode bestraft. Und die Mitgefangenen mussten der Hinrichtung beiwohnen. So hat es ein ehemaliger sowjetischer Zwangsarbeiter bei seinem Besuch in Bremen 1989 berichtet.

Es gibt mit dem, was damals während des Zweiten Weltkriegs geschah und dem Einmarsch Russlands in die Ukraine einen Zusammenhang. Der ist nicht hergesucht. Da bricht Deutschland, das damals wohl die bestgerüstete Macht der Welt war und mit der Sowjetunion einen Nichtangriffsvertrag geschlossen hatte, in die Sowjetunion ein und hinterlässt 27 Millionen Tote, dazu Verletzte Verkrüppelte, zerstörte Städte und Dörfer. Das hat ein kollektives Trauma in den Ländern der Sowjetunion geschaffen, das tief im Gedächtnis verankert ist. Und jetzt versuchen die USA und mit ihnen die NATO mit ihren inzwischen 30 Mitgliedsstaaten, ihre hochgerüstete Front gegen Russland noch weiter an Russland zu schieben, indem sie die NATO, auch in der Ukraine, das eine lange Grenze zu Russland hat, etablieren wollen.

Wenn ich das sage, will ich nicht den Einmarsch Russlands in die Ukraine rechtfertigen – in keiner Weise. Im Gegenteil: dieser Krieg ist nicht nur ein Fehler, sondern ein internationales Verbrechen. Aber die Vorgeschichte zeigt, dass die NATO und der Westen mit ihrer jahrzehntelangen Militärpolitik gegen Russland wesentlich den Krieg mit verursacht haben, was selbst Papst Franziskus deutlich gemacht hat, indem er vom „Bellen der NATO an Russlands Tür“ sprach. Und was die deutsche Rolle dabei betrifft, muss man erwähnen, dass man nach 1945 das alte Feindbild Russland weiter gepflegt hat und die Verbrechen gegen die Sowjetunion im Gegensatz zum Holocaust nie aufgearbeitet hat. Man stelle sich nur vor, Deutschland würde den Landraub Israels entsprechend thematisieren, überall die Palästinafahne hissen und den Palästinensern schwere Waffen liefern.

Das Einzige, was diesen Krieg beenden kann, sind keine Waffenlieferungen an die Ukraine, und es ist eine Schande und ich würde sagen, ein Verbrechen, dass gerade Deutschland sich massiv an den Waffenlieferungen beteiligt. Das Einzige, was den Krieg beenden kann, ist Diplomatie auf höchster Ebene. Leider gibt es bisher nur zaghafte Versuche. Und das wiederum macht deutlich, dass international fast nur noch militärpolitisch gedacht wird und Bemühungen um Gespräche und Kontakte in Richtung Entspannung und Verständigung keine Lobby haben.

Wir hier haben nur eine kleine Kraft, können hier nur ein kleines Gedenken veranstalten. Lasst uns mit unseren weiteren Aktivitäten in Richtung Frieden, Abrüstung, Völkerverständigung und Antifaschismus so gut wir können uns für eine bessere Zukunft engagieren.

 

 

 

 

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