Online Studium ? Das Ende des reflexiven Studiums !

Online forever?

Studium online FachidiotenNach einem erzwungenen Online Sommersemester, zeichnet sich jetzt bereits ab, dass auch im Wintersemester 2020/2021 ca. 80 - 90% des Studiums Soziale Arbeit online durchgeführt werden wird. Das hat das Bremer Wissenschaftsressort zusammen mit den Leitungen der Universität und der Hochschulen verabredet, siehe die Presseerklärung vom 10. Juni. In sehr begrenztem Umfang soll es Präsenzveranstaltungen nur für Labornutzung und für Neuimmatrikulierte im 1. Semester geben. Eine evidenzbasierte Begründung fehlt, denn es wäre viel mehr möglich, trotz "Corona", als bisher versucht wird.

Evaluation der Folgewirkungen der Umstellung auf Online fehlt!

Mit dieser ins Wintersemester und auch darüber hinaus geplanten Online Lehre ist es weitgehend vorbei mit einem reflexiven Studium. Noch ist keineswegs evaluiert, welche (auch schichtspezifischen) Folgewirkungen diese Online-Umstellung hat, da wird es flugs schon zum Dauerzustand gemacht. Die aktuell durchgeführten Online-Befragungen der Studierenden und Lehrenden sind lediglich auf die Optimierung des Online-Betriebes ausgerichtet, nicht seine Infragestellung. Online-Tools und digital aufbereitetes Wissen, moderne Kommunikationsmethoden sind sicherlich gute Hilfsmittel und als solche sehr nützlich, aber echtes Lernen läuft weiterhin analog, funktioniert über Lern- und Lehrbeziehungen und über lebendige und persönlich durchlebte (kontroverse) Diskurse.

Die Situation der Studierenden

Gewerkschaftlich organisierte Studierende von TV Stud Bremen haben zu Beginn des SS einen Offenen Brief an die Landesregierung des Landes Bremen geschrieben, der von 2000 Studierenden unterstützt wurde. Darin wird auf die prekäre Lage hingewiesen; es heißt darin: "Die Absage von Präsenzveranstaltungen und die Umstellung auf digitale Lehre werden neue Probleme mit sich bringen und alte verstärken. Jetzt schon werden Seminare abgesagt und es ist unklar, welche Prüfungen überhaupt in welcher Form stattfinden werden. Aus diesem Grund bezweifeln wir sehr stark, dass den unterfinanzierten Hochschulen im Land Bremen so schnell eine gelungene Umstellung auf digitale Lehre gelingt. Studierenden brechen die Jobs und die finanzielle Unterstützung der Eltern weg. Viele müssen sich jetzt um kleine Geschwister oder zu pflegende Angehörige kümmern. Gerade in Bremen, wo viele Menschen von Armut bedroht sind, stellt dies große Hindernisse auch für Studierende dar. Wir sehen zudem die Gefahr, dass soziale Unterschiede jetzt noch viel deutlicher hervortreten werden. Je nach Wohnsituation und technischer Ausstattung studiert es sich beispielsweise auf engem Raum viel schlechter als in den Räumen der Universität. In vielen Haushalten wird es schlicht unmöglich sein, immer einen ruhigen Arbeitsplatz zu den Seminarzeiten zu garantieren. Studierende, die ihren Job verloren haben, müssen in erster Linie erstmal finanziell über die Runden kommen und haben weniger Zeit, geschweige denn den Kopf für ein Vollzeitstudium."

Die Profiteure

Ein sicherlich großes Interesse an solchen "Lern"methoden haben auf jeden Fall

  • die großen Digital- und Internetkonzerne, die ihre Hard- und Software und ihre digitalen Bildungsprogramme nun in Milliardenumfang profitorientiert unter die Jugend bringen.
  • die Kontrollinstitutionen aller Couleur, die jeden Schritt und jeden Gedanken möglichst genau nachverfolgen und speichern wollen, und
  • die "Sparkommissare", die schon lange die vielen Räume und das "teure" wissenschaftliche Personal wegrationalisieren und ins private Homeoffice verweisen wollten.

Ein Qualitäts-Desaster

Im Studium, in der Lehre und der Forschung erleben wir ein Qualitäts-Desaster. Wohin soll das führen, wenn die Erfahrung persönlicher, kritischer (nicht angepasster), innovativer (nicht berufstüchtiger), forschender (nicht wiederkäuender), generalistischer und interdisziplinärer (keine Fachidioten) wissenschaftlicher Arbeitsweisen gar nicht mehr gemacht werden kann?

"Corona" nur als Vorwand?

Die Hochschulleitungen und die Wissenschaftsressorts sollten eigentlich alles nur erdenkliche unternehmen, um das zu ändern (z.B. Container aufstellen, Räume und Personal akquirieren, mehr Exkursionen, kleinere Gruppen, alternierende Lehrzeiten usw. usf.). Stattdessen wird die Online Lehre als das "non plus ultra" gefeiert und "Corona" als Vorwand benutzt, um all diese Fehlentwicklungen auch noch administrativ zu verfestigen.

4000 Professoren*innen für die Präsenzlehre

4000 Professoren*innen und Lehrkräfte haben in einem Offenen Brief die Rückkehr zur (eingeschränkten) Präsenzlehre ab WS 2020/21 gefordert: https://www.praesenzlehre.com/ Der Wissenschaftsapparat, Uni-Rektorate und die  Medien haben eher diskreditierend darauf reagiert und die vielen gute Argumente ignoriert. Keine guten Ausichten für ein reflexives Studium. In einigen Fächern wurde nun sogar die "Gelegenheit" genutzt, um die Studienanfängerzahlen "per Knopfdruck" zu erhöhen. Diese Verdichtung wird zu einer Reduzierung von persönlichen Beratungs- und Anleitungsmöglichkeiten mit den Lehrkräften führen.

Bachelor in sechs Semestern und möglichst passgenau rein in den Beruf

Das häppchenweise in Modulen online eingetrichterte Wissen muss dann nur noch kurzfristig abrufbar sein für die prüfungsrelevanten Credit-Points mit dem Ziel: Bachelor in sechs Semestern und möglichst passgenau rein in den Beruf. Folgen für Praxis sind sinkende Kompetenzen zur Infragestellung bestehenden Wissens und praktizierter Methoden, und schwindende Eigenständigkeit und Innovationsfähigkeit. Die Bertelsmann Stiftung (dahinter der auf Profit schielende Medienkonzern Bertelsmann) hat seit Ende der 19990er Jahre auf eine Dominanz digitaler und onlinebasierter Bildung und Hochschulausbildung hingearbeitet. Dank "Corona" können sie jetzt die Sektkorken knallen lassen.

(von Rodolfo Bohnenberger)

Update 3.8.2020:

praesenz und ein solidarsemester HHPetition: Das Online-Semester und die gesteigerte soziale Prekarität schränken seit mehreren Monaten Wissenschaft und Bildung mündiger Persönlichkeiten zur menschlichen Gestaltung der Welt erheblich ein. In der Vereinzelung gehalten, ohne Hochschule als Ort der sozialen weltbezogenen Perspektivbildung, soll sich zufrieden gegeben werden mit leichter Milderung der Einschränkungen und individueller Nachsicht bei steigt der Selektions- und Konkurrenzdruck in den Massenprüfungen. Das schadet allen. Die Hochschulen werden mit ihrer Arbeit für eine zivile, soziale, demokratische, ökologisch und ökonomisch nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft jetzt erst recht gebraucht. Studium, Wissenschaft und Forschung können dafür, wie in den Schulen ohne formale Abstandsregeln, mit erhöhter Aufmerksamkeit Aller füreinander, in Präsenz stattfinden. Soziale Sicherheit ist dafür notwendig und kann geschaffen werden. Geld ist genug da. Es ist die Aufgabe der Hochschulen zu Friedensbildung, solidarischen internationalen Beziehungen, Demokratisierung, einem nachhaltigen Austausch mit der Umwelt und sozialer Gerechtigkeit beizutragen. Wissenschaftliche Erkenntnis braucht kritische persönliche Auseinandersetzung und Bezugnahme. Das gelingt am besten in Präsenz. Daher fordern wir von Senat und Hochschulleitungen: 1) Soziale Grundlage sichern: 900€ monatlich als Vollzuschuss 2) Bildung braucht Präsenz 3) Mensen und Bibliotheken sind Grundlage für Wissenschaft: Sie müssen geöffnet werden 4) Restriktionen abschaffen: Fristen für ein Jahr verlängern, Freischussregelung für alle Prüfungen. ....(Fachschaftsrat Erziehungswissenschaft UNI Haamburg)

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