Zum Kommentar von Anja Maier "Die Hand am Gashahn" im Weser-Kurier am 21.07.2022

Sehr geehrte Frau Maier,

russian gas pipelines into europe 1Ihr Kommentar "Die Hand am Gashahn" lässt mich einigermaßen konsterniert zurück.

Sind Sie nun froh, dass Putin - entgegen allen politischen und medialen Unkenrufen - nun wieder Gas durch die Leitung schickt, oder nehmen Sie es ihm übel, dass er Ihre Erwartungen enttäuscht hat? Wie man es dreht und wendet: egal was Putin macht, in Ihren Augen findet er offensichtlich keine Gnade.
Ich muss sagen: Angesichts der Tatsache, dass "wir" eine Sanktion nach der anderen gegen Russland loslassen und Außenministerin Baerbock Russland "ruinieren' will, finde ich es geradezu selbstlos von Putin, dass er "uns" überhaupt noch Gas liefert. Wir sollten ihm auch dankbar sein für all die Lieferungen der letzten Jahre, denn billige Energie war eine Grundlage für "unseren" Wohlstand (natürlich zu allererst für die Profite der Konzerne, aber etwas blieb auch bei Teilen des Volkes hängen, das warm duschen konnte).
Sie moralisieren und versuchen, ein schlechtes Gewissen zu vermitteln, wenn Sie schreiben: "Fakt ist, dass Deutschland mit seinen Gasankäufen aus Russland den Krieg gegen die Ukraine mitfinanziert." Müsste es da nicht Ihr Gewissen entlasten, wenn Putin die Gasmenge von sich aus auf 40% reduziert, oder sogar ganz abstellt? Aber eigentlich bräuchten Sie auch bei 100% Gaslieferung kein schlechtes Gewissen zu haben, denn Ihre Kollegin Ulrike Herrmann meint: "Ein Energieembargo gegen Russland funktioniert nicht. Die Bilder aus der Ukraine sind schrecklich, aber dieser Krieg lässt sich nicht beenden, indem der Westen auf Öl und Gas aus Russland verzichtet." Und weiter schreibt Frau Herrmann: "Der Westen ist vom russischen Gas abhängig, während umgekehrt Russland unsere Dollar und Euro nicht wirklich benötigt, um Krieg zu führen. Rubel reichen völlig aus, um die Ukraine anzugreifen. Russland ist zwar rückständig und hat kaum Industrie, aber ausgerechnet beim Thema Krieg ist es autark. Es hat Nahrungsmittel, Öl und Waffenfabriken" (TAZ, 21.06.2022, Ulrike Herrmann über Energieembargo gegen Russland: "Es läuft ins Leere").

Ihre Alternative "Speichern und sparen - so in etwa darf man sich die kommenden Wochen und Monate vorstellen" redet Wirtschaftsminister Habeck nach dem Munde, führt die Leser aber in die Irre. Denn Ungarn hat kurzerhand 700 Millionen m³ Gas zusätzlich bei Putin gekauft, um die Energiesicherheit des Landes zu gewährleisten - und Putin liefert. Und da ist noch diese ominöse Turbine, die laut Gazprom benötigt wird, um die ganze Menge des Gases durch die Röhe zu pumpen. Ist sie noch in Kanada? Oder in Deutschland? Oder schon in Russland? Oder wo? Das zu klären wäre eine segensreiche journalistische Aufgabe, statt dem "Kriegsherrn in Moskau" zu unterstellen, er wolle die Deutschen "zittern" sehen. Und da liegt noch die nagelneue zweite Gasröhre in der Ostsee, die technisch in Odnung ist und sofort in Betrieb genommen werden könnte, wenn Habecks Ministerium die Genehmigung erteilt. Ich weiß, dass die US-Regierung gegen diese Leitung ist und uns lieber frieren sähe, und die Grünen haben das Genehmigungsverfahren bereits vor dem Angriff der russischen Armee auf die Ukraine auf Eis gelegt, welch eine Dummheit. Nord Stream 2 sollten Sie als Möglichkeit in die Debatte bringen, statt stumpf deutsche Regierungsposition zu vertreten. Und machen Sie doch mal ein Interview mit Sahra Wagenknecht zu diesem Thema.

Mit freundlichem Gruß

Walter Ruffler (Bremen, 22.07.2022)

(Anm. d. Red.: Das Foto "Russian gasflows into Europa" von Gazprom ist nur in diesem Beitrag eingefügt, nicht in der Mail an Frau Maier)

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