"The Magnitsky Act" - Andrei Nekrasov im Interview

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William ("Bill") Browder ist ein amerikanisch-englischer Hedgefondsmanager und einer der wichtigsten Investoren im Russland der Jelzin-Ära, der wie viele andere von der Privatisierung der sowjetischen Staatsunternehmen profitieren und ein unermessliches Vermögen erspekulieren konnte. Browder überwarf sich mit Wladimir Putin, den er zuerst unterstützt hatte, wurde wegen Steuervergehen angezeigt und erhielt 2005 in Russland Einreiseverbot. Browder beschäftigte den russischen Steuerberater Sergej Magnitsky, der in Russland verhaftet wurde und im Jahr 2009 unter bisher immer noch ungeklärten und tragischen Umständen in einem Moskauer Gefängnis zu Tode kam.

Bill Browder gelang es in der Folgezeit, den internationalen Medien die folgende Geschichte zu erzählen: Magnitsky wäre verhaftet und ermordet worden, weil er einem 230-Millionen-Korruptions-Steuerschwindel auf die Spur gekommen wäre und diesen - als Whistleblower - bei der Moskauer Polizei angezeigt habe. New York Times, Washington Post und Financial Times berichteten, die großen europischen Medien schlossen sich an, und es kam zu Tausenden von Artikeln und TV-Berichten, in denen Magnitsky zum Symbol für Menschenrechtsverstöße in Russland wurde.

Mehr noch: 2012 wurde "The Magnitsky Act" als ein überparteiliches Gesetz vom US-Kongress verabschiedet und vom damaligen Präsidenten Obama unterzeichnet. 2017 folgte "The Global Magnitsky Act", das die USA seitdem ermächtigt, weltweit Menschenrechtsverletzungen mit Sanktionen zu belegen. 2019 folgte eine entsprechende Resolution des EU-Parlaments mit einer Aufforderung an alle Mitgliedstaaten, ähnliche Gesetze wie die USA zu erlassen.

Der renommierte russische Filmemacher Andrei Nekrasov (Grimme-Preisträger 2013) erklärte sich bereit, über den Fall Magnitsky ganz im Sinne der Bill-Browder-Version einen Dokumentarfilm zu drehen. Doch noch während der Dreharbeiten kamen ihm immer mehr Zweifel an der Stichhaltigkeit der Geschichte vom Whistleblower Magnitsky. Viele angebliche Fakten stellten sich als falsch heraus und mehrere der angegebenen Daten zu den Ereignissen konnten nicht stimmen. Die Taz vom 10.06.2016 zitierte in einem Bericht den Regisseur: "Jeden Tag wurde ich sicherer, dass es eine Lügengeschichte war, auch wenn das ein längerer und schmerzhafter Prozess gewesen ist. Weil ich Browder ja ideologisch nahestand und in weiten Bereichen ja auch ein Regimekritiker bin. Aber wir spielen doch den Gegnern in die Hände, wenn wir nicht bei der Wahrheit bleiben."

Produziert wurde der Film, ein zweistündiges packendes Doku-Drama, von der norwegischen Produktionsgesellschaft "Piraya Film". ARTE und ZDF beteiligten sich an den Produktionskosten von über einer Million Euro. Als der Film fertig abgedreht war, zeichnete er ein völlig neues Bild des Falles Magnitsky. Nach einer genauen technischen, inhaltlichen und juristischen Prüfung war die ARTE-Redaktion einverstanden und organisierte die Uraufführung in den Räumen des EU-Parlaments für den 3. März 2016 ("Tag der Pressefreiheit").

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Die geplante Vorführung wurde abgesagt; der Film auf ARTE, obwohl schon in den Programmvorschauen angezeigt, nicht gesendet. Gegen den Film hatten - mit Erfolg - u.a. Bill Browder, die Grünen-Abgeordnete Marieluise Beck, der Berichterstatter der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, Andreas Gross und Bernd Fabritius, stellvertretender Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses der Parlamentarischen Versammlung, interveniert.

Der Regisseur zeigte den Film im Rahmen der Deutsch-Russischen Friedenstage am 23. November in Bremen im überfüllten Saal der Villa Ichon. Am gleichen Tag hatte "Der Spiegel" mit einer vierseitigen Geschichte ("Story ohne Held") über den komplizierten Fall berichtet und die Aussagen des Films in allen wesentlichen Punkten bestätigt. Das Interview fand am nächsten Morgen statt.
Sönke Hundt

Mehr Informationen auf http://www.magnitskyact.com. Hier kann auch die englische Version des Films angesehen werden.

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